Predigt zu Sylvester
Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Gemeinde von St. Peter! 

1.      Zeit. Für viele Menschen ist das zum absoluten Reizwort geworden.
        Zeit. Wie viele Redensarten und Sprichwörter kennen wir nicht allein, 
        wo es um die Zeit geht: Zeit ist Geld; vertane Zeit; kommt Zeit, kommt Rat; 
        nimm dir Zeit und nicht das Leben; alles zu seiner Zeit. 

2.      Zeit ist eines der kostbarsten Güter, die wir Menschen zu vergeben haben.
        Wir können die Zeit nie zurückdrehen. Wenn sie verstrichen ist, ist sie verstrichen.
        Darum geizen wir wahrscheinlich auch oft so mit unserer Zeit. 
        Unsere Zeit scheint so kostbar zu sein, dass niemand sie unnötig verschwenden darf. 
        Diese Einstellung hat an vielen Stellen so übertriebene Züge angenommen, 
        dass man sich fast schämen muss, wenn man sagt: „Kein Problem, ich hab Zeit.“ 
        Bin ich vielleicht gar nicht wichtig, dass ich nicht ständig im Stress bin?  

3.      Unsere Welt scheint sich immer schneller zu drehen und wird durch unsere modernen 
        Kommunikations- und Verkehrsmittel immer kleiner. Mit Handys sind wir immer und überall 
        erreichbar. Per E-Mail können wir weltweit binnen weniger Sekunden alle Neuigkeiten schicken,
        wohin wir wollen. Selbst leibhaftig können wir mit dem Flugzeug in wenigen Stunden ans 
        andere Ende der Erde gelangen. Und immer mehr hat man den Eindruck, als müsste das auch so 
        sein. Immer längere Ladenöffnungszeiten, vielleicht sogar mit dem Ziel, bald schon rund um 
        die Uhr einkaufen zu können, gelten als Fortschritt. Ebenso können wir, wenn wir wollen, 
        heute 24 Stunden am Stück fernsehen. Können Sie sich noch an die Zeiten des Testbildes erinnern? 

4.      Manchmal denke ich: Wann kommt endlich mal einer und tritt auf die Bremse? 
        Wann kommt einer, der dafür eintritt, dass Pausen, Unterbrechungen etwas Sinnvolles sind? 
        Von der bekannten deutschen Schriftstellerin Christa Wolf stammt der Satz: 
        „Obwohl zum Innehalten die Zeit nicht ist, wird einmal keine Zeit mehr sein, 
        wenn man jetzt nicht innehält.“ Also halten wir einmal inne! 

5.      Die Stunden und Tage um den Jahreswechsel herum nutzen viele Menschen, 
        um wenigstens einmal für kurze Zeit innezuhalten. Leider aber auch nur, 
        um darüber nachzudenken, wie sie ihre Zeit im neuen Jahr noch sinnvoller 
        und effektiver nutzen können, statt wirklich das Innehalten als solches auch zu belassen. 

6.      Als ich vor drei Jahren in Island Urlaub gemacht habe, 
        hat unsere Reiseleiterin uns während des Wanderns immer wieder einmal aufgefordert 
        zum Innehalten. Und wirklich: Ich wüsste nicht, ob ich die beeindruckende Landschaft dort 
        und das Erlebte noch so gut in Erinnerung hätte, wenn wir nicht ab und zu innegehalten hätten.
        Manchmal hatte dieses Innehalten etwas beinah Meditatives an sich, wenn wir aufgefordert wurden,
        ein paar Minuten schweigend die schöne Aussicht auf uns wirken zu lassen. 

7.      Stillstand. Innehalten. Das klingt in der heutigen Zeit wie Verschwendung, 
        das ist negativ, nicht produktiv. 
        Selbst unsere freie Zeit muss in den Augen vieler Menschen sinnvoll genutzt werden. 
        Effektivität, Stress, Hektik, scheint fast zur Pflicht zu werden. 
        Dann gibt es keine Ausrede mehr für denjenigen, 
        der sich dem Gezappel und Gerenne entziehen möchte.

8.      Gerade deswegen muss das Christentum den Befürwortern der pausenlosen 
        Betriebsamkeit ein Dorn im Auge sein. Denn hier sind die Pausen heilig. 
        Gott selbst erklärt den siebten Tag zum Tag der Ruhe und heißt uns, 
        auch mal innezuhalten: „Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; 
        denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.“

9.      Zeit zum Innehalten, das könnte der heutige Abend sein oder der morgige Tag. 
        Nicht um schon wieder neue Vorsätze zu fassen und zu überlegen, was ich im 
        neuen Jahr besser machen will, sondern wirklich nur um zu ruhen. 
        Die Ruhe ist heilig. Und sie ist notwendig, damit wir noch sehen, 
        ob unsere Welt sich noch richtig dreht und wir „noch richtig ticken“. 
        Selbst die Atomuhr in Braunschweig, nach der auch unsere Glocken zweimal
        am Tag zum Gebet läuten, braucht alle 18 Monate eine Schaltsekunde, eine Auszeit,
        um wieder richtig zu ticken. 

10.     Ich wünsche uns allen, dass wir uns im neuen Jahr die Zeit zum Innehalten nehmen. 
        Jede Minute, die wir so verbringen, ist kostbar und doch nur der viel zitierte 
        Fliegenschiss im Verhältnis zur Ewigkeit. Darin ist all unsere Zeit aufgehoben, 
        die genutzte und die einfach so verstrichene, die vergangene und die zukünftige. 
        Jede Zeit ist nur ein Anbruch der Ewigkeit. 

11.     Es gibt eine schöne Geschichte aus Afrika. In der fahren ein Europäer 
        und ein Afrikaner in einem Jeep durch die Wüste. Eine weite Strecke. 
        Nach einer Weile macht der Europäer, der den Jeep fährt, eine kurze Rast,
        um sich die Beine zu vertreten. Der Afrikaner setzt sich an den Wegesrand 
        und blickt den Weg zurück, den sie gekommen sind. 
        Als der Europäer nach kurzer Zeit wieder einsteigt um weiterzufahren,
        fragt er den Afrikaner: 
        „Warum steigst du nicht ein? Worauf wartest du noch?“ 
        Darauf antwortet dieser: „Dass meine Seele nachkommen kann.“