Predigt an Weihnachten 2010

 

 

1.  „Herr, jemand muss dich kommen sehen!“ So lautet eine Zeile, in dem Gebet, das Anne Gravendyk uns vorgesprochen hat. Wenn keiner da ist, der ihn kommen sieht, wenn keiner sich aufmacht, um ihn kommen zu sehen, dann hat all das Weitererzählen der alten Geschichten keinen Sinn. Dann ist all unser feierliches Beisammensein hier und jetzt in den Schnee und in den Wind geschrieben. - Das ist das Thema, das ist die Geschichte, die der Himmel uns zumutet: Gott kommt!

 

 

2.  Gerade die Unerschöpflichkeit und Unausdenkbarkeit des Weihnachtsgeheimnisses eröffnet die Chance, an die alten Geschichten, Erzählungen und Legenden neu heranzugehen. Entscheidend ist nicht, ob der Stall in Bethlehem oder anderswo stand. Ob es da drei, vier oder mehr Könige gegeben hat, die sich von irgendwoher auf den Weg gemacht haben. Entscheidend ist nicht, welche Krippenbilder sich uns einprägen und Spuren in unseren Herzen hinterlassen.

 

 

3. Entscheidend ist, dass da jemand ist, der Jesus kommen sieht. Dass muss jemand glauben. Deshalb muss er zu Hause sein, um Mitternacht, um ihm das Tor zu öffnen und ihn einzulassen. Seine Spuren gilt es zu entdecken – mitten in dieser Welt.

 

 

4.  Freilich wird von unserer sonst so innovationssüchtigen Gesellschaft gerade zu Weihnachten in der Liturgie und Verkündigung eher das Bleibende und Bestätigende erhofft. Nicht das Neue, das beunruhigt und aufhorchen lässt, sondern das Altgewohnte und Beruhigende, die blütenweiße, schneebedeckte Welt und das Bild einer heilen und friedlichen Krippenlandschaft.

 

5.  Andererseits: Diese Tage und diese Zeit ziehen auch Skeptiker in ihren Bann. Sie kommen hellhörig in die Gottesdienste. Und ihre Frage liegt in der Luft: Was wäre, wenn etwas dran wäre an der Botschaft, dass ein Gott im Kommen ist, dass sich eine andere Kraft einlässt auf meinen unwegsamen Lebensweg und auf die zerbrechliche Schöpfung? Was wäre, wenn sich einer ungefragt und zugleich heilsam einmischte in meine kleinherzige Welt und sie ins rechte Lot rückte? Einer, der nicht auf Abstand bleibt, sondern hautnah an uns heranrückt?

 

 

6.  Ein Gott im Kommen? – Wie lässt er sich entdecken? – In einem Lied, das Jugendliche früher gern gesungen haben, heißt es: „Wir haben Gottes Spuren festgestellt auf unseren Menschenstraßen, Liebe und Wärme in der kalten Welt, Hoffnung, die wir fast vergaßen.“ Vielleicht wehren Sie ab und wenden ein: „Das könnte ich nicht mitsingen. Ich habe von Gottes Spuren noch nicht viel gesehen. Hoffnung, die Mut zum Leben macht, begegnet mir kaum. Ich entdecke meistens nur die großen Fußabdrücke, die Kälte und Lieblosigkeit hinterlassen.“

 

 

7.  Ein Gott im Kommen? – Vielleicht kann uns Thomas von Aquin, möglicherweise der gescheiteste Theologe des Mittelalters, weiterhelfen. Von ihm stammt der Satz: „Das Geheimnis des Göttlichen schläft im Stein, atmet in der Pflanze, regt sich im Tier und erwacht im Menschen.“

 

 

8.  Wenn ich hier auf den Boden schaue, sehe ich um den Altar herum die Fußspuren, die unsere Kommunionkinder in der Adventszeit gelegt haben. Glaube ich das wirklich, dass Gott in diesen Kindern, in diesen Menschen erwacht? Das heißt doch: Das Jesuskind wird nicht in Bethlehem wach, sondern hier und jetzt, in unserer Mitte, in unserer Gemeinde.

 

9.  Morgen wird hier in unserer Kirche Amélie getauft. Als Taufspruch für ihr Kind haben sich die Eltern folgende Sätze ausgesucht: „Wer sagt: Es gibt sieben Wunder auf der Welt, hat noch nie die Geburt eines Kindes erlebt. Wer sagt: Reichtum ist alles, hat nie ein Kind lächeln gesehen. Wer sagt: Diese Welt ist nicht mehr zu retten, hat vergessen, dass Kinder Hoffnung bedeuten.“ Und am vergangenen Montag habe ich einen Weihnachtsgruß bekommen mit einem Satz von Martin Luther: „Wenn Du ein Kind siehst, begegnest Du Gott auf frischer Tat.“

 

 

10.  Und manchmal, wenn ich unsicher werde, wenn ich mich frage, wie denn wirklich alles gewesen ist, und wenn ich dann das zweite Kapitel des Lukasevangeliums lese oder höre, dann denke ich: Recht hat er, der Atheist, der da sagt: Wenn es einen Gott gäbe, müsste er diese Geschichte erfunden haben!“

 

 

11.  Ja, es ist passiert! Das, was eigentlich unglaublich ist und nach menschlichem Ermessen nicht wahr sein kann: Es ist wirklich wahr! Und was für ein sinnvoller Dienst, der Euch, Ihnen und mir aufgegeben ist: Den Kleinen und den Großen, den Freunden der Weihnacht und den skeptisch in der zweiten Reihe Stehenden zu bezeugen, dass das Weihnachtsevangelium Gottes schönste „Erfindung“ ist. Denn seit Jesu Geburt gilt: Jedes Kind ist ein Zeichen dafür, dass Gott diese unsere Welt noch nicht aufgegeben hat.

 

 

                                                                           Ludger Funke