Predigt an Weihnachten 2006

 

 

1.   Was soll das? – An Weihnachten eine Mülltonne, ein Papierkorb, ein Müllkorb in der Kirche? – Dieser Müllkorb begleitet mich schon über vierzig Jahre. Mein Vater hat mir die Tonne besorgt und damals selber beklebt. Für mein erstes Studentenzimmer. Sommersemester 1966 in Münster.

 

 

2. Sie können sich denken, dass ich an dieser Tonne hänge. Und seitdem mir ein guter Freund vor einem Jahr eine Engelgeschichte zugeschickt hat, erinnert mich diese Tonne immer wieder neu an diese Geschichte. Sie ist inzwischen eine meiner Lieblingsgeschichten geworden. In der Adventszeit habe ich sie wieder mehrmals erzählt. Sie ist nicht nur eine Advents- und Weihnachtsgeschichte, sondern eine Geschichte darüber hinaus, für’s ganze Jahr, für’s Leben.

 

 

3. In der Geschichte geht es um die Krippe. Mit wie viel Mühe und Freude haben wir hier in St. Peter wieder unsere Krippe aufgebaut. Aber es geht nicht um den Aufbau, sondern um den Abbau der Krippe. Davon wird in der Geschichte erzählt. Gern will ich sie Ihnen auch hier und jetzt weitererzählen:

 

 

4. Als ich dieses Jahr meine Krippe und die drei Weihnachtsengel wieder einpackte, behielt ich den letzten in der Hand. „Du bleibst. Ich brauche ein bisschen Weihnachtsfreude für das ganze Jahr.“ „Da hast du aber Glück gehabt“, sagte er. „Wieso?“ fragte ich ihn. „Na, ich bin der einzige Engel, der reden kann.“

 

 

5. Stimmt! Jetzt fiel es mir auf: ein Engel, der reden kann! Da hatte ich wirklich Glück gehabt. „Wieso kannst du eigentlich reden? Das gibt es doch gar nicht!“ „Doch, das ist so. Nur wenn jemand nach Weihnachten einen Engel zurückbehält, nicht aus Versehen, sondern wegen der Weihnachtsfreude – wie bei dir -, können wir reden. Aber es kommt ziemlich selten vor. Übrigens: Ich heiße Heinrich.“

 

 

6. Seitdem steht Heinrich in meinem Wohnzimmer im Regal. In den Händen trägt er seltsamerweise einen Müllkorb. Heinrich steht gewöhnlich still an seinem Platz, aber wenn ich mich über irgendetwas ärgere, hält er mir seinen Müllkorb hin. „Du“, sagt er: „wirf rein!“ Ich werfe meinen Ärger hinein – weg ist er. Manchmal ist es ein kleiner Ärger, zum Beispiel, wenn ich meine Brille verlegt habe oder meinen Haustürschlüssel nicht finde. Es kann aber auch ein größerer Ärger sein oder eine Not oder ein Schmerz, mit dem ich nicht fertig werde.

 

 

7. Eines Tages fiel mir auf, dass Heinrichs Müllkorb immer gleich leer war. Ich fragte ihn: „Wohin bringst du das alles?“ „In die Krippe“, sagte er. „Ist denn so viel Platz in der kleinen Krippe?“ Heinrich lachte. „Pass auf, in der Krippe liegt ein Kind, das ist noch kleiner als die Krippe. Und sein Herz ist noch viel kleiner. Deinen Kummer leg ich in Wahrheit gar nicht in die Krippe, sondern in das Herz des Kindes. Verstehst du?“

 

 

8. Ich dachte lange nach. „Das ist schwer zu verstehen. Und trotzdem freue ich mich. Komisch, nicht?“ Heinrich runzelte die Stirn. „Das ist gar nicht komisch. Das ist die Weihnachtsfreude. Verstehst du?“  -  Auf einmal wollte ich Heinrich noch vieles fragen, aber er legte den Finger auf den Mund. „Pst“, sagte er, „nicht reden! Nur sich freuen!“

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9. Ich habe gelesen, dass in manchen Schulen „Mülleimerstunden“ angeboten werden. Mülleimerstunden bieten den Schülerinnen und Schülern Raum und Zeit, ihren ganzen Müll, ihre Sorgen, ihren Kummer, ihren Ärger, ihren Frust, ihre Wut, ihre Angst abzuladen. Die Methode kann zu einer feststehenden Zeit oder bei Bedarf eingesetzt werden. Wer will, kann seinen „Müll“ in Worte fassen. Der Lehrer oder die Lehrerin kann dann auch außerhalb des Unterrichts den Schüler oder die Schülerin gezielt ansprechen.

 

 

10. Ich gestehe: Müll hat es mir schon immer angetan. Müllbeseitigung hat mich fasziniert. Ein Streik der Müllmänner kann in kurzer Zeit eine große Stadt lahm legen. Es ärgert mich, wenn man einen Karton in eine Mülltonne wirft, ohne ihn zu zerkleinern. Unzählige Male bin ich – auch als Kaplan bei Kinder-Ferienzeiten und Jugendmaßnahmen – in Container und Mülltonnen geklettert, um den Müll festzustampfen. Dass ich vor einem Jahr nach unserem Neujahrsempfang bei einer solchen Aktion aus der gelben Mülltonne gestürzt bin, werde ich so schnell nicht vergessen. Es war mir eine Lehre. Seitdem ist es mit der Kletterei in Mülltonnen vorbei.

 

11. So verstehen Sie jetzt sicherlich, dass mir die Geschichte vom Engel Heinrich mit seinem Müllkorb zur Lieblingsgeschichte geworden ist.     Weihnachten – eine „Mülleimerstunde“?

 

12. Es gibt in unserer deutschen Sprache das Wort „Herzensanliegen“. Wenn uns etwas ganz wichtig ist, dann sagen wir zum anderen: Die Sache leg’ ich Dir ans Herz! Vielleicht ist das das Bewegende an Weihnachten: Da ist ein Kind, ein Mensch, ein Gott, dem können wir unseren Kummer nicht nur ans Herz legen, sondern ins Herz legen. Es ist das Herz des Erlösers der Welt. Jesus, der Retter ist da!

 

 

                                                                                        Ludger  Funke