Weihnachten 2005

 

  1. Ein Psalm, ein Dezember-Psalm hat mich in den vergangenen Wochen des Advents begleitet. In meiner Predigt am 4. Adventssonntag habe ich schon davon gesprochen:

 

Mit fester Freude lauf ich durch die Gegend,

mal durch die Stadt, mal meinen Fluss entlang.

Jesus kommt.

Der Freund der Kinder und der Tiere.

Ich gehe völlig anders.

Ich grüße freundlich, möchte alle Welt berühren.

Mach dich fein: Jesus kommt.

Schmück dein Gesicht.

Schmücke dein Haus und deinen Garten.

Mein Herz schlägt ungemein, macht Sprünge.

Mein Auge lacht und färbt sich voll mit Glück.

Jesus kommt.

Alles wird gut.

 

  1. Der Psalm stammt von dem bekannten Kabarettisten Hanns-Dieter Hüsch. Nach langer schwerer Krankheit ist er am Nikolaustag gestorben. Mit seiner unnachahmlichen Art hat er viele Menschen im In- und Ausland zum Schmunzeln und Nachdenken gebracht.

 

  1. Hanns-Dieter Hüsch wurde am 6. Mai 1925 hier ganz in der Nähe in unserer Nachbarstadt Moers als Sohn eines Verwaltungsbeamten geboren. Seine Kindheit war durch schmerzhafte Operationen gekennzeichnet, da er mit einem Klumpfuß auf die Welt kam. Mehrmals musste er operiert werden. „Mein Leben verdanke ich meinen Füßen“, hat er später über seine ersten Jahre in seinen 1990 veröffentlichten Erinnerungen geschrieben. Seine „verdrehten Beine“ hätten ihn vor dem Kriegsdienst gerettet.

 

  1. Als Künstler war Hüsch unermüdlich. Mehr als 250 Auftritte absolvierte er im Jahr. Immer wieder suchte er den Kontakt zu seinem Publikum. Mit zunehmendem Alter wurde er zutiefst religiös. Das Faszinierende an Jesus war für ihn, dass dieser Jesus jede Art von Militanz und Fanatismus ablehnt.

 

  1. Vor vier Jahren forderten das Alter und die Krankheit ihren Tribut. „Wir sehen uns wieder“ – so nannte er sein Abschiedsprogramm. Und dieser Titel war für den bekennenden Christen auch Glaubenszeugnis. Beerdigt wurde Hanns-Dieter Hüsch am 12. Dezember in Moers-Hülsdonk. Den Spruch auf seinem Grabstein hatte er schon formuliert: „Die einen werden sagen, er hat zuviel gemacht; die anderen, er hat zu wenig bewegt. Ich aber sage euch: Lasst mich in Ruhe.“

 

  1. Warum erzähle ich Euch und Ihnen das alles? Heute, am Heiligen Abend, am Weihnachtsfest? Ich tue das deshalb, weil ich heute Weihnachtswünsche von Hanns-Dieter Hüsch weitergeben möchte. Wie der Dezember-Psalm sind auch diese Weihnachtswünsche auf den ausliegenden Zetteln abgedruckt:

 

Wir bitten Gott, er möge uns behilflich sein:

Dass wir Weihnachten nicht wie Karneval feiern,

dass wir das Wunder von Bethlehem nicht mit einem Musical plus Domführung plus Reeperbahn plus Hafenrundfahrt und Rhein in Flammen verwechseln,

sondern das wir die Stille und das Heilige neu entdecken,

unser kleines und endliches Sein spüren

und mit Jesus neu geboren werden.

Die große Freude der Heiligen Nacht möge sich in uns breit machen. Jesus wird geboren!

Er ist vor allem ein Freund derjenigen, denen das Leben hart zusetzt, ein Freund der Unglücklichen und Verzweifelten.

Er ist die große Hoffnung für all die,

deren Lebensglück sich verfinstert hat.

Und wer von uns hätte nicht mit diesen Dunkelheiten zu kämpfen!

So wird er auch für uns zum Licht,

das uns den Weg zeigt in dunklen Zeiten.

 

  1. Was mir an diesen Weihnachtswünschen gefällt? – Da ist vom „behilflichen“ Gott die Rede. Was für ein Trost! Gott hilft uns. In Jesus wird er uns zum Helfer. Und darin können wir ihm nacheifern: Helferinnen und Helfer für unsere Mitmenschen zu werden. 

 

  1. Da ist davon die Rede, dass wir Weihnachten nicht verwechseln mit allem möglichen Anderem. Die Verwechslungsgefahr ist groß. Davor wollen uns hier in der Kirche die Krippe und das Kreuz, die Lichter und die Schatten, die Lieder und die Tränen bewahren.

 

  1. „Dass wir die Stille und das Heilige neu entdecken“. Ich erinnere mich an das szenische Spiel unserer Kommunionkinder im Familiengottesdienst am 4. Adventssonntag. Da war von dem alten Brauch der Eskimos die Rede, der Quarrtsiluni heißt. Was ist Quarrtsiluni?

 

  1. In vergangenen Jahren feierten die Eskimos jeden Herbst große Feste zu Ehren der Seele des Wales. Diese Feste mussten stets mit neuen Liedern eröffnet werden. Alte Lieder durften nie gesungen werden, wenn Männer und Frauen tanzten, um den großen Tieren die Ehre zu erweisen. Und da hatten sie den Brauch, dass in jener Zeit, in der die Männer ihre Worte zu diesen Festgesängen suchten, alle Lampen ausgelöscht werden mussten. Es sollte dunkel und still im Festhaus sein.

 

Alle Lichter – außer Krippe und Tannenbäumen – werden ausgemacht. STILLE!

 

  1. Nichts durfte stören, nichts zerstreuen. In tiefem Schweigen saßen sie in der Dunkelheit und dachten nach.  – STILLE! – Diese Stille war es, die die Eskimos Quarrtsiluni nannten. Sie bedeutet, dass man auf etwas wartet, das aufbrechen soll. Denn die Vorväter der Eskimos hatten den Glauben, dass die Gesänge in der Stille geboren werden. Dann entstehen sie im Gemüt der Menschen und steigen herauf wie Blasen aus der Tiefe des Meeres, die Luft suchen, um aufzubrechen. So entstehen die heiligen Gesänge.

 

  1. Wenn wir die Stille und das Heilige neu entdecken, können wir unser kleines und endliches Sein spüren und mit Jesus neu geboren werden. Das ist nicht nichts. Das ist ganz viel: Lieber kleinspurig und glaubwürdig leben, als großspurig alles Mögliche miteinander verwechseln. „Das Kleine ist die Verheißung des Großen und die Zeit das Werden der Ewigkeit.“ (Karl Rahner)

 

 

Nach der Predigt zwei bis drei Minuten Stille. Dann werden die Lampen langsam wieder angezündet.

 

Anschließend Lied des Kirchenchores bzw. der Gemeinde. 

 

 

 

Ludger  Funke