Predigt vom 07. und 08.02.09

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

  1. Die letzten beiden Wochen haben die katholische Welt in einen ziemlichen Aufruhr versetzt. Und auch über deren Grenzen hinweg gab es überall in den Medien und in vielen Gesprächen oft nur noch ein Thema: Die Rücknahme der Exkommunikation von vier Bischöfen, die zu der äußerst rechten Priesterbruderschaft Pius X. gehören. Richtig hoch gekocht und zu einem Skandal wurde das Ganze dadurch, dass einer dieser vier Bischöfe in einem Fernsehinterview am letzten Allerheiligentag geleugnet hatte, dass im Dritten Reich 6 Mio. Juden getötet worden sind. Gaskammern habe es nicht gegeben, behauptete er, obwohl selbst jedes 10,11jährige Kind es heute besser weiß.

 

  1. Seitdem ist vieles gesagt und geschrieben worden, auch vieles, was falsch ist oder falsch verstanden wurde. Weder Bischof Williamson, von dem die Aussage über die Juden stammte, noch einer der anderen drei sind als Bischöfe wieder im Amt. Es ging darum, dass sie als Mitglieder der katholischen Kirche wieder an den Sakramenten teilhaben dürfen. Um mehr geht es erstmal nicht. Doch was heißt hier um mehr – allein das reicht aus, um an allen Orten Stürme der Entrüstung auszulösen. Und das zu Recht.

 

  1. Egal, wer im Vatikan was zu verantworten hat, egal, in welcher Reihenfolge was öffentlich wurde, egal ob man etwas von den Äußerungen Williamsons wusste oder nicht. Tatsache ist, dass durch den Schritt der Wiederaufnahme der vier Männer viele Menschen tief verletzt worden sind, und zwar nicht nur die Juden. Auch viele, die sich in den letzten vier Jahrzehnten dafür eingesetzt haben, die Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils umzusetzen, ob im Kleinen oder im Großen. Einfache Gemeindemitglieder regen sich genauso auf wie Professoren. Die Wiederaufnahme in die Kirche sollte ein Akt der Versöhnung sein, ein Zeichen, dass man auch denen die Hand reichen will, die einmal in die Irre gegangen sind. Das Problem aber ist, dass es bei den Irrläufern keine Anzeichen gibt zur Umkehr. Im Gegenteil, sie gehen fleißig weiter auf ihrem eigenen Weg der Unversöhnlichkeit. Und ein weiteres, eben so großes Problem ist, dass diejenigen, die sich um andere Wege der Versöhnung bemüht haben, in dem sie auf der Basis der Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils Gespräche gesucht haben zu Andersgläubigen, dass diese Menschen jetzt denken müssen, all ihre Bemühungen werden nicht richtig ernst genommen, wenn Leute sich ebenso zur Kirche gehörig fühlen dürfen, die mit all dem nichts zu tun haben wollen.

 

  1. Ich frage mich: Warum wird soviel Porzellan zerschlagen für eine relativ kleine Gruppierung? Die Pius-Bruderschaft hat weltweit geschätzte 600.000 Mitglieder. Die katholische Kirche insgesamt 1,13 Mia. Bei dieser Zahl sind 600.000 erst die vierte Stelle hinter dem Komma. Doch wie viel Millionen Katholiken verstehen jetzt nicht mehr, was da an oberster Stelle geschieht? Wie viele werden sich enttäuscht abwenden, weil sie sich mit dieser Art Kirche nicht mehr identifizieren können? Sind diese Menschen weniger wichtig, wenn es darum geht, einen versöhnlichen Umgang miteinander zu pflegen?

 

  1. Im heutigen Evangelium sagen die Jünger zu Jesus, als dieser sich gerade zurückgezogen hatte, um in Ruhe zu beten: „Alle suchen dich.“ Und was macht Jesus? Er geht weiter in die benachbarten Dörfer, um auch dort den Menschen zu helfen. Kein Rückzug. Jesus ist offen für alle. Was bei ihm nicht heißt, dass er den Leuten nach dem Mund redet. Er sagt klar und deutlich seine Meinung. Sagt auch, wenn Menschen in die Irre gegangen sind und ruft sie auf zur Bekehrung. Doch eine Chance bekommt bei ihm jeder. Jeder Gang in die Irre kann wieder umgelenkt werden. Jesus verlangt nicht, dass ein Mensch nie einen Fehler gemacht haben darf. Doch was er verlangt, ist die Bereitschaft zur Umkehr und zur Versöhnung.

 

  1. Und das wäre auch mein Wunsch für das Ende dieser Auseinandersetzung: Dass allen die Türen geöffnet werden, die zur Versöhnung wirklich bereit sind. Dass am Ende nicht nur denen die Hände entgegengestreckt werden, die das Bedürfnis haben, die Kirche wie in vergangenen Zeiten zu konservieren, sondern auch denen, die vielleicht vor lauter Barmherzigkeit einmal einen Schritt über das Kirchenrecht hinausgegangen sind, die um der Versöhnung willen vielleicht einmal zwei Geschiedenen Menschen nicht den kirchlichen Segen verweigert haben, die sich vielleicht ein bisschen zuviel in politische Verhältnisse eingemischt haben, wo Menschen unter Ungerechtigkeit leiden mussten. Wie viele so ähnlich denkende Menschen haben sich vielleicht schon enttäuscht von der Kirche abgewandt, ohne dass sich jemand intensiv um sie bemüht hätte?

 

  1. Auch wenn meine Hoffnung nicht besonders groß ist: Wenn sich auch in dieser Richtung durch die ganze Diskussion jetzt etwas bewegen würde, so hätte das Ganze zumindest im Nachhinein noch einen Sinn gehabt.