Würde des Menschen

Predigt am 13. So. im Jahreskr. B – Homberg, St. Peter – 1./2. Juli 2006 – Les.: Weis 1,13-15;2,23-24. / Evang.: Mk 5,21-24.35b-43.

 

1.   Alles dreht sich in diesen Tagen und Wochen um Füße und Bälle, um Fußbälle. Da können sich unsere Wertmaßstäbe leicht verschieben. Gut, dass uns die biblischen Texte immer wieder zur Besinnung rufen. So auch der Abschnitt aus dem Buch der Weisheit, den wir heute als Lesung gehört haben. Vielleicht haben Sie die entscheidende Aussage noch im Ohr: „Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht.“

 

2.  Darum geht es der Bibel letztlich in all ihren Aussagen: Um die Würde des Menschen, die in der Ebenbildlichkeit Gottes ihren Grund hat. Da gibt es eine Geschichte des schwedischen Schriftstellers Henning Mankell, die mir in ihrer Anschaulichkeit nachhaltig in Erinnerung geblieben ist.

 

3.   Vielleicht haben Sie schon einmal etwas von Henning Mankell gehört: 1948 in Stockholm geboren ist er einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Gegenwart. Berühmt machten ihn seine Krimis mit Kommissar Wallander als Hauptfigur. Einen Teil des Jahres lebt er in Mosambik, wo er ein Theater leitet. Seine Afrika-Erfahrungen hat er in mehreren Büchern verarbeitet.

 

4.   Ende der achtziger Jahre reiste der Krimi-Bestseller-Autor Mankell zum ersten Mal in den Norden Mosambiks. Damals bahnte sich nach dreißig Jahren Krieg endlich Frieden an. Eine Million Menschen waren gestorben, weitere Millionen waren auf der Flucht. Hunger und Elend standen auf der Tagesordnung.

 

5.   „Eines Tage“, so erzählt Mankell, „war ich zu Fuß auf dem Weg zu einem Dorf. Mir entgegen kam ein Mann, mager, vielleicht auch hungrig. Seine Kleider hingen in Fetzen. Dann sah ich seine Füße. Er hatte Schuhe auf seine Füße gemalt. Mit Erdfarben. Das war die letzte Möglichkeit für ihn, seine Würde zu bewahren.“

 

6.   Henning Mankell betont, dass er dieses Bild nicht vergessen werde und dass er es beim Schreiben stets vor Augen habe. „Ich glaube“, so sagt er, „in allen meinen Büchern geht es um diesen Mann. Um Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen, egal, wie schlecht es gerade aussieht.“

 

7.   Das Bild geht auch mir nicht aus dem Kopf: Das Bild des Mannes, der sich mit Erdfarbe „Schuhe“ auf seine Füße gemalt hat. Irgendwann kommt wohl jeder Mensch in Situationen, in denen ihm aufgeht, wie schutzlos er den Blicken der anderen ausgeliefert ist: durch unverschuldete Arbeitslosigkeit etwa oder durch das Zerbrechen einer Beziehung, durch plötzlichen Verlust der Selbstständigkeit, durch den Zerfall der Persönlichkeit aufgrund von Demenz oder anderen Krankheiten…

 

8.   Es gibt unzählige Anlässe, durch die Menschen ihrer Würde beraubt werden können. Wie dem Armen, der Mankell in Mosambik entgegenkam, bleibt auch den würdelos Gewordenen hierzulande oft nur die Flucht in die Täuschung und in die Maske. Der einzige Ausweg scheint zu sein, Mauern und Fassaden zu errichten.

 

9.   „Eines Tages“, so schließt Mankell seine Erzählung, „können wir alle in eine Situation geraten, in der wir darauf gefasst sein müssen, Schuhe auf unsere Füße zu malen.“ – Gebe Gott, dass wir die Würde des Menschen nicht aus den Augen verlieren, dass wir in aller Not dazu fähig sind, Schuhe auf unsere Füße zu malen. Gebe Gott uns hier in St. Peter die Kraft, Achtung und Würde unter uns Menschen zu mehren und alles, was die Würde des Menschen bedroht, in die Schranken zu weisen und zu ächten. Denn ER hat uns ja zur Unvergänglichkeit erschaffen und uns zum Bild seines eigenen Wesens gemacht.

 

 

                                                               Ludger  Funke