Gottesdienste am 1./2.9. 2007, Predigt Anne Gravendyk

 

GEBET DES PFAUS

Ich muss es immer wieder sagen, Herr-.

Schön hast du mich gemacht!
Meine Hochachtung deiner Schöpferkraft,
dem Atem deiner Phantasie!

Ich bin ein Mann, und doch -
im Vergleich mit Menschen
hast du mich geschmückt wie eine Frau:

Glanzvolle Robe und zarte Krone.
Kluge Augen und meine Haltung -
darf ich es offen sagen? -
Einmalig!
Wie eine Königin!

Dior wird zweitrangig, der Arme,
bei so viel vornehmer Eleganz.

Und wenn du mich von hinten anblickst, Herr,
wenn ich das Rad schlage mit dem großen Auge,
das meiner Gattung Namen trägt:
Pfauenauge!
Hei! - Der Name zerschmilzt mir gleichsam auf der Zunge:
Pfau-en-au-ge...
Ich weiß.
Eitel bin ich.
Ich plustere mich auf.
Ich werfe mich so gern in die Brust -
in die eigene natürlich.
Aber welches deiner Geschöpfe, Herr,
kann sonst noch vorn und hinten sehen?

Nimm mich in deinen Dienst!
Als Mannequin oder als Detektiv -
das ist gleich.

Nur erhalte mir meine Schönheit.
Sie kommt von dir.

Amen  

Liebe Schwestern und Brüder!

 

1.      „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt“, sagt Jesus. Nicht nur Pfauen erliegen der Versuchung, auch Menschen tun das. Sie gehen bei großen Aufmärschen ganz hinten, weil die Wichtigsten immer am Schluss kommen. Sie sitzen am Kopf der großen Festtafel. Sie ergreifen sofort das Wort in der Runde und bestimmen das Thema der Unterhaltung. Ohne sie geht die Welt unter – meinen sie! Doch Jesus sagt, wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden.

 

2.      So extrem wie gerade beschrieben oder wie der Pfau sich sieht, ist es bei den meisten Menschen zum Glück nicht. Und doch gibt es beinah überall solche Verhaltensweisen, auf die auch wir so oft reinfallen. Wir lassen uns blenden und bewerten Menschen nach Geld, Besitz, Titel oder Aussehen. Und tun selbst etwas dafür, nicht immer nur am unteren Ende der Tafel Platz nehmen zu dürfen.

 

3.      Aber letztendlich geht es im heutigen Evangelium gar nicht darum, wer denn nun in der Tischordnung welchen Platz einnehmen darf. Nicht darum, wer in der Rangfolge, in der Hackordnung – denn nichts anderes ist das Ganze ja – ganz oben und wer unten steht. Es geht darum, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, sondern vielmehr die, die immer ganz unten stehen.

 

4.      Wie Sie vielleicht schon mitbekommen haben, hat in unserer Gemeinde vor zwei Wochen, während des Felsenfestes, die Vorbereitung auf die Firmung im nächsten Jahr begonnen. Erfreulich viele Jugendliche haben sich dafür angemeldet, 64, das sind zwei Drittel aller Eingeladenen. Und damit stehen wir meiner Ansicht nach vor einer Riesenverantwortung: Wie können wir das, was hier im Evangelium steht, den Jugendlichen näher bringen? Nämlich dass es nicht nur darum geht, dass wir selber gut dastehen. und dass uns kein Mensch das geben kann, was uns eigentlich reich macht.

 

5.      Was erleben die Jugendlichen bei uns, in unserer Gemeinde? Geht es bei uns, zumindest ansatzweise, anders zu? Wen laden wir an unseren Tisch ein, Platz zu nehmen? Wer ist uns willkommen? Ich glaube, während unseres Felsenfestes ist es uns recht gut gelungen, einladend zu sein und zusammenzurücken, um Platz zu machen für am Rand Stehende. Hoffentlich trägt sich das weiter durch, damit wir Vorbild sein können für die sechs Firmgruppen, die ja auch damit umgehen müssen, dass 10 bis 12 Jugendliche um ihren Platz in der Hackordnung kämpfen. Und ich wünsche mir, dass sie in dieser Zeit der Vorbereitung erfahren, dass es hier etwas anders zugeht als anderswo und dass diese Andersartigkeit von unserem Glauben an die Botschaft Jesu herrührt.

 

6.      „Und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Es geht nicht darum, sich selbst künstlich klein zu machen, sondern die Würde eines jeden Menschen zu achten und ihn würdig zu behandeln. Oder sollte ich sagen: eines jeden Geschöpfes? Denn enden will ich – als Gegenstück zum Gebet des Pfaus mit dem Gebet der Schnecke.

 

 

GEBET DER SCHNECKE

Ich bin stumm - vor Wonne, Herr.
Wirklich.

Mit dem Scherenfernrohr auf dem Kopf,
das du mir gabst, schaue ich meine Welt.
Sie hat eigene Maße.
Der Kieselstein am Bach wird zum Wolkenkratzer
und die Tautropfen, die vom Grashalm fließen im Morgenlicht -
sind sie nicht wie ein Wasserfall vor meinen Augen?

Das Kleinste also wird groß an meinem Horizont.
Und das ganz Große lebt in einer fernen Welt -
wie du, Herr.
Und doch ist es wirklich,
ist es da - wie du, Herr.
Denn du liebst das Kleine und das Große.

Selbst die bescheidene Kreatur,
die auf dem Bauch kriecht durch die Wiesen und an den Bächen,
liegt dir am Herzen. -

Bin ich nicht zudem ein Mahnmal

für die Rastlosen,
die Gehetzten,
die Atemlosen -
in einer Welt ohne Atem und Zeit?

Ich sollte allen eine lange Nase machen.
Aber ich habe keine, Herr.

»Langsam, Freunde!« - möchte ich laut rufen.
»Ich komme doch auch ans Ziel

mit meinem Campingwagen auf dem Rücken.

Ich komme auch an -
und nie in Hetze und immer ohne Herzinfarkt!« -
möchte ich laut rufen.

Aber ich bleibe stumm -
vor Wonne, Herr.
Denn mir droht eine Gefahr.
Wenn ich zu laut bin,
zu auffällig,
gerate ich in ein Feinschmecker-Lokal.

Als Vorspeise - auch als teure -
bin ich zu schade, nicht wahr?

Darum preise ich dich lieber stumm, Herr,
aber schäumend vor Lebensfreude,
besonders außerhalb Frankreichs.

Amen