Predigt am 24. So. im Jahreskr. A – Homberg, St. Peter und St. Johannes – Les.: Jes Sir 27,30-28,7; Evang.: Mt 18,21-35.

 

1.  Morgen / Heute – der 11. September – ist das bisher alles beherrschende Datum des neuen Jahrtausends. Die Anschläge auf das World Trade Center in New York sowie auf das Pentagon in Washington haben die Welt verändert. Ganz zu schweigen von den vielfältigen Folgeerscheinungen: die Kriege in Afghanistan und im Irak, die andauernde Terrorgefahr auch hier in Deutschland bis hin zur Tötung Osama Bin Ladens im Mai dieses Jahres.

 

2.  Auch in einem Gottesdienst kann man einen Gedenktag wie morgen / heute nicht übergehen. Dabei stellt das Hauptmotiv der Texte dieses Sonntags eine besondere Herausforderung dar: Vergebung! Vergebung ja! Vergebung aber auch angesichts der schrecklichen Auswüchse des Terrorismus?

 

3.  Zunächst einmal ist festzuhalten: Es geht in Lesung und Evangelium nicht um Weltpolitik. Es geht um mein Verhalten dem Nächsten gegenüber. Es geht um das Zusammenleben innerhalb der Gemeinde und zuallererst um Gottes Vergebung. Das sollte auch an diesem geschichts- und politikbeladenen Tag nicht aus dem Blick geraten.

 

4.  Mir scheint: Vergebung ist ein rares Gut geworden. Aber das ist vor 2000 Jahren wohl nicht anders gewesen. Denn ansonsten hätte Jesus zu diesem Thema kein Gleichnis erzählen müssen. Dass Vergebung damals weniger die Angelegenheit eines liebenden Herzens als eines streng reglementierten religiösen Gebotes war, beweist die Frage des Petrus: „Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich gesündigt hat?“

 

 

5.  Die Pharisäer vertraten die Meinung, dreimaliges Vergeben wäre ausreichend. Doch im Wissen um Jesu Einstellung zu solchen Vorgaben, bietet Petrus schon mehr als das Doppelte: Siebenmal?

 

 

6.  Jesus geht es nicht um eine rechnerische Großzügigkeit. Grenzenlos wie seine Liebe soll auch unsere Vergebungsbereitschaft sein. Was wir vergeben sollen, sind nicht nur Kleinigkeiten des Alltags – der vergessene Termin, das unpünktliche Erscheinen, das achtlos gesprochene Wort -, sondern auch das, was wirklich verletzt: Der Diebstahl, die  Untreue, der Seitensprung, das Schlagen eines Kindes oder Jugendlichen...

 

7.  Die Schuldner im Gleichnis waren sich ihrer Schulden voll bewusst. Wahrscheinlich gab es Schuldscheine, die jedes Talent und jeden Denar belegten. Das Wissen um persönliche Schuld scheint aber heute weitgehend verloren zu sein. Die Verhältnisse sind schuld, das Elternhaus, die Schule oder eben auch die Gesellschaft.

 

8.  Richtig ist, dass Schuld eben oft viele Ursachen hat, aber eine – und oft die wichtigste – ist die individuelle, persönliche Schuld. Doch wer sich für schuldlos hält, kann nicht um Vergebung bitten. Und wer nicht um Vergebung bittet, dem kann und dem braucht auch nicht vergeben zu werden.

 

9.  Um Vergebung zu bitten und sie zu erhalten, reicht nicht. Vergebung ist erst der Anfang. Sie muss einen Prozess der Veränderung in Gang setzen. Wenn mir vergeben wird, kann ich den gleichen Mist nicht wieder machen. Vergebung ist eine Chance, die ich nicht untätig versäumen darf.

 

10.  Wie befreiend, vergeben zu können, reinen Tisch zu machen, ein Neuanfang nicht nur für den Schuldner, sondern für beide Parteien. Das ist nicht einfach. Das verlangt viel von einem. Doch nur so können Wunden heilen. Nur so kann vielleicht Jahre alter Groll überwunden werden.

 

11.  Gott macht es uns vor. Er hadert nicht mit uns, sondern er vergibt uns. Er sucht immer wieder den Neuanfang mit uns Menschen. Jeden Sonntag zum Beispiel, wenn wir ihm im Gottesdienst unsere Schuld bekennen und um Vergebung bitten. Warum er das macht? – Weil seine Liebe so grenzenlos ist wie seine Bereitschaft zu vergeben.

                                                                                           

                                                                                                      L. F.